Förderverein Kirche St. Nikolaus Nedlitz

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In seiner Ansprache zur Feierstunde am 27.4.2013 zum Abschluss des Projektes "Nedlitzer Mumien" beschreibt der Vorsitzende des Fördervereins, Dr. Peter Weber, die Motivation der Nedlitzer Akteure: 

Dr Peter WeberDabei wurde und wird die Präsentation der „Mumien“ durchaus unterschiedlich diskutiert. Darf man Mumien zeigen oder nicht? Es gibt Stimmen, besonders aus „höheren“ kirchlichen Kreisen, die von Störung der Totenruhe reden und fordern, dass die Särge geschlossen und das Betrachten der Toten verboten wird.

Unser Förderverein und viele unserer Unterstützer haben eine andere Sicht auf die Dinge:

Ich möchte M. Luther zitieren: „Media vita in morte sumus“ – Mitten im Leben sind wir vom Tod umfangen. Der Tod ist etwas, was uns alle sicher erreicht. Und doch schiebt unsere Gesellschaft das Thema bewusst zur Seite.

Handfeste Erfahrungen mit dem Tod sind selten geworden. Menschen sterben in Altenhei­men und in Krankenhäusern und immer seltener zu Hause. Durch die immer kleiner wer­den­den Haushalte und Familien ist es immer seltener gegeben, dass man unmittelbar mit einem Sterbenden zusammenlebt. Selbst wenn jemand im eigenen Haus stirbt, wird der Tote oft sehr schnell von einem Bestatter abgeholt, obwohl es möglich wäre, ihn eine Zeit­lang zu Hause zu lassen. Kindern werden möglichst von Sterbenden und Toten fernge­hal­ten. Und auch Erwachsene scheuen die Nähe zu einem Menschen, der im Sterben liegt oder gestorben ist … Aber wenn eine berühmte Persönlichkeit stirbt oder ein dramatischer Tod bekannt wird, findet eine kollektive Trauer statt, die oft schon befremdlich wirkt.

Auf der anderen Seite sehen schon kleine Kinder Tote im Fernsehen, sowohl in Nachrichten als auch in Filmen. Virtuell – im Fernseher - scheint es keine Probleme zu bereiten, Tode zu zeigen und Horrorfilme zu betrachten.

Auch die Presse macht oft keine Figur. Z.B. wenn die Bildzeitung „Gruselmumien in Nedlitz“ titelt oder die Volksstimme „Die Mumien sind los“ schreibt. Wir distanzieren uns von sol­chen Schreibereien! Voyeurismus liegt uns völlig fern. Es gibt Gott sei Dank aber auch viele Artikel über uns, die das, was wir vorhaben, gut beschreiben. Wir haben als Verein viel gelernt im Umgang mit der Presse.

Der Tod macht uns ratlos, unsicher, verlegen. Wir als Förderverein wollen anregen, wieder über den Tod nachzudenken – sowohl über den eigenen als auch über den von Freunden, Verwandten. Das ist keine Panikmache. Aber es sei wiederholt: Wir alle gehen diesen Weg – 100%ig. Nachdenken über den Tod bedeutet aber auch Nachdenken über das Leben und die Zeit, die noch vor einem liegt.

Als Christen haben wir es einfacher als jene die „Nicht glauben“. Wir glauben, dass der Tod kein „Ende“ ist und uns danach etwas erwartet. Auch wenn wir nicht wissen, wie dieses „da­­­nach“ aussieht sehen wir im Vertrauen auf unseren Gott etwas Gutes auf uns zukommen.

Woher kommt diese Faszination und die Polarität der Meinungen beim Thema „Tode betrachten“? Sicher auch aus der Tatsache, dass dies heute kaum noch möglich ist. Soll man dann aber – wie dies manche wollen – verbieten, Tode zu betrachten? So wie das die Nedlitzer seit Jahren können und tun! Verbote lösen keine Probleme, die eine Gesellschaft hat! Und das Argument „Störung der Totenruhe“ ist schon gar nicht nachvollziehbar, so lange noch Friedhöfe alle 20 Jahre „neu belegt werden“ – was sich sicher nicht ändern wird.

Unser Förderverein und unser Unterstützer sind der Meinung, dass jeder selbst die Frage für sich beantworten muss, ob er nach Nedlitz kommt. Niemand zwingt ihn dazu. Das Betrach­ten der Mumien ist sicher sehr eindrucksvoll. Das war einmal ein Mensch, der gelaufen, gegessen, gesprochen - gelebt hat. Das kann den Betrachter verändern. Wir wollen mit unserer Ausstellung anregen, über das Thema Tod und Sterben nachzudenken. Und wir machen damit auch der Kirche ein Angebot, auf dieses Thema einzusteigen. Vielleicht bringt uns das auch wieder mehr Menschen in die Kirchen – auch zum Gottesdienst.

Unser Gemeindekirchenrat hat diese Chance erkannt. Mit einem sehr eindeutigen Votum wurde das „Zeigen der Mumien“ befürwortet. Wir bedanken uns für das Vertrauen zum För­derverein. Der Gemeindekirchenrat weiß, dass wir würdig mit den Toten umgehen werden. Wir werden unsere „Kirchenführer“ ausbilden, das Thema „Tod und Sterben“ unseren zukünftigen Besuchern zu vermitteln.

 

Nicht nur in der Nedlitzer Sarglage können Mumien betrachtet werden. Die Mitteldeutsche Kirchenzeitung "Glaube und Heimat" Nr. 16 vom 17.4.2011 berichtet von Mumien in Harzgerode. In der Frage, ob man Mumien zeigen darf oder nicht, vertreten die Mitglieder des Nedlitzer Fördervereins die gleich Auffassung wie im vorgenannten Artikel, der im Weiteren zitiert wird:

"Es ist eine persönliche Entscheidung, ob ein Kirchenbesucher überhaupt die Gruft sehen will oder nicht", sagt Kreisoberpfarrer Jürgen Dittrich. Auch dann könne er noch überlegen, ob er sich bei der Führung nur das Gewölbe ansehen will oder die Gesichter der zwei Mumien in den Särgen dazu. "Man muss zwischen die Särge gehen und sich über ein Fensterchen in Kopfhöhe beugen, sonst sieht man sie nicht." Seit der Restaurierung der Gruft ruhen die Toten in Metallsärgen mit Glasfenstern, die in den historischen Hüllen ihren Platz haben. ...."

Die Frage, ob die Toten zur Schau gestellt werden sollen (wie zum Beispiel die wohl bekannteste Mumie: Ritter Kahlputz im brandenburgischen Kampehl) und wann öffentliches Interesse zu weit geht, muss jede Gemeinde und jeder Besucher unserer Kirche für sich beantworten.